I Turisti ! – oder es kommt wie es kommt

von Reiner

 Da sich meine Frau entschlossen hatte noch einmal die Schulbank zu drücken, kamen wir in den Genuss nach langer Zeit wieder einmal Urlaub in den Sommerferien machen zu dürfen.

Es wurde ein anstrengender Urlaub für Geist, Körper und Geldbörse. Juli, August, es war überfüllt, heiß und für uns bis dahin ungewohnt teuer. Elba im Hochsommer ist halt etwas anderes als wir es von Frühjahr und Herbst her kannten. Die Insel war zwar wie immer reizvoll aber noch einmal im Sommer, nein das muss nicht sein.

So kam es auch, dass unsere Rückreise mit allen denkbaren Problemen behaftet war, die man sich in dieser Fülle kaum vorstellen kann.

Da wir ja nicht das erste Mal auf Elba waren, besaßen wir eine gewisse Routine bei den Abreisemodalitäten. Wir standen morgens um halb fünf Uhr auf, da wir die Fähre um sechs Uhr nutzen wollten. Die Fährtickets hatten wir bis dahin immer am Porto
bekommen. Diesmal war Hauptsaison, was wir einfach nicht bedachten. Wir waren deshalb sehr überrascht, als wir erfuhren, erst die Fähre um vierzehn Uhr nutzen zu können, zumal es ein Dienstag war.

Wie verbringen wir denn bloß die Zeit? Erst einmal einen Cappuccino trinken, dann sehen wir weiter. Bei einem Bummel durch die Altstadt von Portoferraio bemerkten wir, dass es für unser Vorhaben doch wohl noch zu früh gewesen war. Natürlich,  um diese Zeit ist noch kein Laden geöffnet.
Portoferraio in der frühen Morgensonne; ein Anblick den wir an Land noch nie hatten. Wir versuchten halt das Beste aus der Situation zu machen.

Nachdem wir den weiteren Tag zu einem Stadt- und Wochenmarktbummel in Marciana Marina genutzt hatten, trafen wir zum Abfahrttermin wieder an der Fähre ein.
Da das Ausschiffen im Piombino aufgrund des Andrangs auch ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch nahm, traten wir die Heimfahrt nunmehr gegen halb vier Uhr nachmittags an. Uns war klar, dass wir es heute höchstens bis in die Schweiz schaffen würden, wenn alles gut geht.

Aber schon vor Livorno holte uns die Realität wieder ein. Ein ungewöhnliches Fahrverhalten des Autos deutete auf einen Defekt hin. Glücklicherweise war eine Tankstelle in Sicht.

Ein Plattfuß vorn links. Eigentlich kein Thema, aber mein damaliges Fahrzeug besaß lediglich ein gefaltetes Notrad. Tausend Kilometer noch vor uns und das mit einem Notrad, mit dem man höchstens achtzig fahren kann; und wo verstauen wir das defekte Rad? 

Diese Überlegungen führten dazu, uns Hilfe an der Tankstelle zu holen. Wie ich erfuhr, sind viele Tankstellen an den Nationalstrassen und Autobahnen mit einer kleinen Werkstatt ausgestattet, wie diese, die wir angesteuert hatten. Wenn man Glück hat wie wir, sogar mit einem Gommisto, also einem Reifenfachmann.

Reifen ab und nachschauen. Der freundliche Gommisto zeigte uns den Schaden und die Ursache. Besser gesagt, über die Ursache entbrannte eine wortreiche und heftige Diskussion unter den mittlerweile angesammelten Zuschauern, einer Gruppe älterer Herren, denen die Abwechslung wohl gerade recht kam. Jeder einzelne kannte die Ursache des Plattfußes.

Ein eingefahrener Nagel, nein eine Schraube, aber seht ihr denn nicht, dass es sich um ein Projektil handelt? Es war ein Einschuss.

Die hitzige Diskussion half uns natürlich auch nicht weiter. Was es tatsächlich war, wissen wir bis heute nicht. Wie dem auch sei, den Gommisto kümmerte das wenig, er klebte einen Flicken von innen auf das zugegeben kaum erkennbare Loch. Eine Reparatur, der ich unter anderen Umständen wohl kaum zugestimmt hätte. Aufpumpen, unter Wasser prüfen und montieren. Der Wunsch nach umgerechnet zwanzig Mark hatte mich doch positiv überrascht. Mit gemischten Gefühlen setzten wir nun unsere Fahrt fort.

Genua, Tunnel rein, Tunnel raus, gleißende Sonne, nunmehr im Gegenlicht, Berufsverkehr und Baustellen. Schlimmer kann es auf diesem Streckenabschnitt nicht kommen. Die Strapazen der vergangenen Stunden, die auch noch in brütender Hitze stattfanden, machten sich bemerkbar, so dass wir bald eine ausgiebige Rast machten.

Den herrlichen Sonnenuntergang konnten wir kurz vor Mailand in aller Ruhe genießen. Wir standen in einem Stau. Die goldglänzenden Bergspitzen der entfernten Alpen versuchten uns aufzumuntern.

Im Dunkeln ging es dann weiter Richtung Como-Chiasso. Eine lange Lastzugreihe stand vor der Grenze. Mittlerweile hatten wir aber schon eine stoische Ruhe entwickelt, die uns gelassen in der Schlange warten ließ. Gelegentliches Hupen und Gestikulieren der Lkw-Fahrer deuteten wir als spaßige Begrüßung und winkten freundlich zurück.

Ein Zollbeamter in der Ferne deutete uns, an der Schlange vorbei zu ihm zu fahren. Wir hielten bei ihm an und hörten, von wilder Gestik begleitet, ein "i turisti, i turisti !" Als er uns einen komplizierten Weg durch die Karawane und zwischen Lagerhäusern vorbei wies, war uns klar, dass wir falsch abgefahren sein mussten und im Zollhof gelandet sind.

Kaputt wie’n Turnschuh und mitten in Chiasso, welches uns total fremd war, wollten wir nur noch raus, Richtung Autobahn, eine Raststätte ansteuern und eine Runde schlafen. Da es schon Mitternacht war, wollten wir auch nicht mehr nach einem Zimmer
suchen. Und so schliefen wir im Auto ein.

Am nächsten morgen waren wir überrascht, doch fest geschlafen zu haben. Wir verbrachten zwar die nächste Stunde damit unsere Knochen zu sortieren, uns frisch zu machen und zu frühstücken, aber die weitere Fahrt verlief dann endlich störungsfrei.close_grey

Den Reifen hatte ich dann in Deutschland doch erneuert.