Autolavaggio

von Reiner

 Da ich zum Leidwesen meiner Frau ein Typ bin, dessen Auto immer sauber sein muss, war ich auch auf Elba sehr früh der Meinung, es waschen lassen zu müssen. Zugegeben die sonderbare Mischung aus Salz und Staub sieht auf dem Autolack ja nicht besonders gut aus.
Wir nahmen diesen Umstand zum Anlass, mal eine zielgerichtete Rundfahrt zu machen, nämlich die Suche nach einer Autowaschanlage. Gesehen hatten wir bis dahin noch keine, da wir uns vornehmlich im urigen Westteil der Insel aufhielten.

An der Strasse von Marina di Campo nach Procchio prangte endlich ein großes unübersehbares Schild "AUTOLAVAGGIO".
Hier waren wir richtig und bogen ein. Ein kurzer staubiger Feldweg führte uns auf einen ebenso staubigen Platz, an dem links die offenen Waschbürsten zu sehen waren. Hinter diesen stand eine verrostete Wellblechhütte mit zugehängtem Fenster und offenstehender Tür. Vor diesem Szenario hielt auf einem zum verrosteten Stil passenden Gartenstuhl der Wagenwäscher gerade Siesta.

Durch das Fahrgeräusch aufmerksam geworden, sprang er plötzlich auf und deutete die Stelle auf die ich das Fahrzeug lenken sollte. Nachdem wir uns auf eine Außenwäsche mit Innenreinigung verständigt hatten, durften wir es uns etwas abseits der Anlage auf dem Rest des Gartenmobiliars bequem machen.

Nunmehr erkannten wir das romantische Stück Technik in seiner Gesamtheit. Hoffentlich bleibt das Auto heil, dachte ich noch bei mir. Der offensichtlich routinierte Mittzwanziger benutzte den relativ neuen Hochdruckstrahler und begann sein Werk bevor er das gesamte Fahrzeug noch per Hand und Schaum nachwusch.

Mittlerweile entwickelten wir Vertrauen in das Geschehen und begannen die Landschaft und Umgebung zu betrachten und  genießen. San Piero und San Ilario lagen in der Vormittagssonne leuchtend vor den grünen Hügeln, die rechts am Monte Perone endeten, dessen Antennenanlage rotweiß vor dem azurblauen Himmel abstach. Es ist halt auf dieser Insel überall schön, selbst beim Autowaschen.
Der Blick über das Auto, mittlerweile von der freien Waschbürstenanlage bereits gewaschen und getrocknet, führte zwangsläufig wieder zu dem Kassenhäuschen. Mittlerweile schien es gar nicht mehr so verfallen zu sein sondern eher romantisch. Na ja, was die Urlaubsstimmung halt so fertig bringt.

Der Profiautowäscher legte sich wirklich ins Zeug, lederte das Auto noch mal ab, öffnete die Türen, um die Falze zu säubern, ehe er sich dann dem Innenraum widmete. Zum Schluss wurden die Reifen mit einer glänzenden Paste eingeschmiert, welche die Pneus gegen Salz und Staub schützen sollte.
Mir fiel ein, dass uns der Preis für die Komplettwäsche noch unbekannt geblieben war. Frei nach dem Motto, man gönnt sich ja sonst nichts, rechnete ich aufgrund der hervorragenden Qualität der Arbeit doch schon mit einem etwas höheren Preis, mich an diese in Deutschland erinnernd.

Pronto! Der freundliche Herr ging zu seinem Häuschen und ich zum Bezahlen hinterher.

So romantisch ist das Häuschen nun doch nicht, berichtigte ich meine kurz zuvor gewonnene Meinung, da ich nun in das Innere blicken durfte. Eine Gerümpelkammer mit einem Standplatz für den Kassierer. Achtzehntausend Lire, vernahm ich angenehm überrascht. Picobello Arbeit, für das Geld? Phantastisch!

Ich war bereit zwanzigtausend zu zahlen und gab einen Hundert-tausend-Lire-Schein; kleiner hatte ich es leider nicht. Nach einigem Hin und Her begriff ich, dass der freundliche Waschplatzbetreiber nicht herausgeben konnte. Was nun?

In diesem Augenblick knatterte ein Moped über den staubigen Weg heran. No problemo! rief er daraufhin und mir wurde  verdeutlicht, dass er mit seinem gerade angekommenen Freund nach Pila fahren wolle, um das Geld zu wechseln. Da ich damit einverstanden war, schwang er sich auf den Gepäckträger des klapprigen Mopeds und beide knatterten davon.

In der nunmehr heißgewordenen Mittagssonne schoben wir die Gartenmöbel in den Schatten der angrenzenden Bäume und warteten; wir hatten ja Zeit - und Urlaub.
Da die Tür des Wellblechhäuschens nicht verschlossen wurde und die Kasse auch darinnen stand, bekam ich auch keine Zweifel daran, dass die Zwei zurückkehren
würden.

Warten und Landschaft genießen, hieß nun die Parole. Hinter dem Kassenhäuschen begann ein Bambushain, Riesengras wie ich heute weiß, in dem der Beweis stand, dass die Waschanlage, man konnte es ihr auf Anhieb nicht ansehen, schon einmal erneuert worden sein musste. Dort stand, verfallen und komplett von der Natur eingenommen, das offensichtliche Vorgängermodell. Ein fast malerisches Motiv.

Landschaft genießen ist ja etwas feines, aber mittlerweile über eine Stunde an diesem brütenden Ort ließen uns doch ins Zweifeln geraten. Dem Guten wird wohl nichts passiert sein?  schauten wir uns fragend an.

Nach weiteren zwanzig Minuten kamen sie endlich. Ich bekam das Wechselgeld ohne weitere Erklärung. Wohl erkennend, dass ich eine solche erhoffte, erfuhr ich, dass die beiden unterwegs bemerkt hatten, dass es ja schon Mittag sei und es an der Zeit gewesen wäre die Mittagspause zu machen. Diese habe man mit dem Geldwechsel sinnvollerweise sogleich kombinieren können.

In diesem Moment war es sicherlich unserer Urlaubsstimmung zu verdanken, dass wir uns freundlich verabschiedeten.

La dolce vita, man muss sich daran gewöhnen, aber wenn man es geschafft hat und vielleicht davon noch etwas ins heimische Alltagsleben hinüberretten kann, geht einiges einfacher und close_greybesser.